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WaldboteKlaus Radestock

Waldbote 001 · Winter · Februar 1991

Spuren
im Schnee

Ein stiller Winterwald. Und unzählige Geschichten, die sich im Schnee entdecken lassen.

Farbige Zeichnung eines Fuchses am verschneiten Waldweg

Ein Winterspaziergang in der Dubrow

Wenn der Schnee Geschichten erzählt

In der Nacht hat es geschneit. Nun liegt eine „Neue“ über dem Land. So sagt der Jäger zu frisch gefallenem Spurschnee. Aber am Vormittag ist es wieder sonnig und klar. In der kalten Luft ruht der Wald still, wie in Watte gepackt. Eine mit strahlendem Weiß überzogene Landschaft hat etwas Unberührt-Unschuldiges. Wir fühlen uns plötzlich seltsam geborgen und heimelig. Unsere ganze Familie freut sich jetzt ganz besonders auf den obligaten ausgedehnten Wochenend-Spaziergang in der heimatlichen Dubrow.

Zahllose Abdrücke im Schnee offenbaren einem aufmerksamen Betrachter nun eine erstaunliche Fülle von Naturbeobachtungen, Geschichten und Geheimnissen, die ansonsten verborgen geblieben wären. Das geht schon an unserem Forsthaus los: Konnte man die Steinmarder-Sippschaft, die schon seit Generationen hier zu Gast ist, sonst nur hören oder der „Automarderei“ verdächtigen, entdecken wir im Schnee jetzt auch ihre Tritte im Dachbereich … Kurzum: Wir können jetzt üben, was die Altvorderen noch im Blut hatten und uns Zivilisationsmenschen abhandengekommen ist: die Kunst des Fährtenlesens.

Zum Vergleichen und Entdecken

Wer war hier unterwegs?

Aus der kleinen Spurenabbildung am Rand der Originalausgabe wird eine beschriftete Vergleichshilfe. Sechs Beispiele zeigen, worauf es beim Beobachten ankommt.

Reh

Zwei schmale, vorn zugespitzte Schalen
Zwei schmale, vorn spitze Hufhälften. Afterklauen sind oft nicht zu sehen.

Wildschwein

Breite Schalen und seitliche Afterklauen
Breitere Hufhälften; die Afterklauen zeichnen sich oft seitlich dahinter ab.

Fuchs

Vier Zehen und Krallen; beim Schnüren eine Linie
Vier Zehenballen und Krallen. Beim Schnüren liegen die Tritte in einer Linie.

Dachs

Fünf Zehen und lange Grabekrallen
Fünf Zehen vor einem breiten Ballen. Lange Krallen prägen die Vorderpfote.

Feldhase

Hasensprung: große Hinterfüße vor versetzten Vorderfüßen
Beim Hoppeln landen die langen Hinterfüße vor den versetzten Vorderfüßen.

Eichhörnchen

Sprunggruppe mit fünf Zehen hinten und vier vorn
Vorn vier, hinten fünf sichtbare Zehen. Beim Springen stehen die Hinterfüße voraus.

H = Hinterfuß · V = Vorderfuß. Die Pfeile zeigen die Laufrichtung. Schematische Zeichnungen, nicht maßstäblich.

Ein einzelner Abdruck reicht oft nicht zur sicheren Bestimmung. Vergleichen Sie auch Größe, mehrere aufeinanderfolgende Tritte und Fundort. Schnee, Tauwetter und Gangart verändern das Spurbild. Hunde können dem Fuchs ähnliche Spuren hinterlassen; auch Rehe können im tiefen Schnee Afterklauen abdrücken.

Spurenbild groß öffnen ↗
Grundlagen der Spurenübersicht

Eigene schematische Zeichnungen. Merkmale und Bewegungsmuster wurden mit dem Ratgeber „Fährten und Spuren“ der Deutschen Wildtier Stiftung, der Spurenübersicht des NABU und Waldwissen / WSL abgeglichen. Redaktionelle Ergänzung zur Lesefassung, Oktober 2026.

Was der Schnee sichtbar macht

Das ideale Winterweiß zu solchem „Abfährten“ ist eine dünne Schicht feinkörnigen Pappschnees auf ebener harter Unterlage – etwa einem Waldweg. Hier sind die Abdrücke klar, scharf, alle Zeichen leicht ablesbar. Denn loser Pulverschnee hätte die Spuren aufgrund der abbröckelnden Ränder verwischt. Läge der Schnee aber zu hoch, steckten die Abdrücke in tiefen Löchern und wären ebenfalls schwerer zu bestimmen.

Lurche, Kriechtiere und Insekten bekommen wir derzeit freilich nicht zu Gesicht, und über die Bodenpflanzen ist eine schützende Schneedecke ausgebreitet. Uns fallen in dieser Jahreszeit im Wald auch weniger überwinternde Vögel auf als vielmehr zahllose Fußabdrücke der Säugetiere. Schnee bedeutet für viele dieser Geschöpfe einen Ernährungs-Engpass – ihre Spuren zeugen also meist von der Nahrungssuche. Das ist spannend, denn: Säuger bekommen wir sonst im Wald ja nur selten zu sehen. Insbesondere die größeren Tiere unter ihnen entziehen sich der Betrachtung, weil sie meist dämmerungs- oder nachtaktiv und scheu sind. Jagdbares Wild zum Beispiel flüchtet bei der geringsten Störung. Wenn der Schnee jedoch als „weißer Leithund“ dient, offenbart sich plötzlich die ganze Vielfalt auch dieses nächtlichen Tierlebens.

Winterliches Spurenlesen will aber geübt sein. Wer sich dafür interessiert: Die Fußstapfen unserer Wildtiere sind im Internet sowie zahlreichen Natur-, Jagd- und Kinderbüchern abgebildet, die man sich in einer Bibliothek ausleihen kann.

Auf den ersten Blick kann man Säugetierspuren in zwei Gruppen einteilen:

Fährten, Spuren und Geläuf

Die meist gut erkennbaren Fußabdrücke der Schalenwildarten Rotwild, Damwild, Rehwild und Schwarzwild nennt der Jäger Fährten, den einzelnen Abdruck Trittsigel. Diese Tiere treten nur mit den Spitzen zweier Zehen auf, haben jedoch vier. Sie verursachen damit den deutlichen Abdruck paariger Schalen, die nach hinten in eine rundliche Vertiefung übergehen, den Ballenabdruck. Die beiden anderen Zehen (für den Waidmann Geäfter) sind kleiner. Sie sitzen so hoch an der Rückseite des Laufs, dass sie den Boden meist nicht berühren. Im Schnee hinterlassen sie besonders bei hochflüchtigem Wild und beim Wildschwein, dem sie recht tief sitzen, kommaförmige Abdrücke. Das Trittsigel des Vorderlaufs ist etwas größer als das des Hinterlaufs und meist gespreizt. Bei flüchtigem Wild verstärkt sich diese Spreizung – es erscheint dann V-förmig.

Alle anderen Säuger hinterlassen Spuren krallenbewehrter Pfoten, die beim Haarraubwild in der Waidmannssprache Branken mit Klauen heißen. Der Einzelabdruck wird hier vom Jäger Tritt genannt. In diese Gruppe gehören etwa Hase, Kaninchen, Dachs, Fischotter, Wildkatze, Marderhund, Waschbär, Fuchs, Iltis, Hermelin, Stein- und Baummarder. Diese Tiere haben vier bis fünf Zehen, deren Ballenabdrücke im Tritt vor dem Fuß zu sehen sind. Sie werden von den Abdrücken der Krallen überragt. Der Hasenspur fehlen die Ballenabdrücke, der Katzenspur die der Krallen.

Beim Federwild wiederum spricht der Jäger – im Gegensatz zu Fährte und Spur beim Haarwild – vom Geläuf.

Jedes Tier bewegt sich anders

Man kann derzeit anhand der Schneespuren nicht nur die Tierart erkennen, sondern auch den jeweiligen Bewegungsablauf: Je nach Gangart „schränkt“ das Wild mehr oder weniger – die Tritte der Läufe werden seitlich einer gedachten Mittellinie gesetzt. Dieser Raum zwischen den Abdrücken heißt Schrank, der Längsabstand der einzelnen Tritte Schrittlänge. Beim gemächlichen Trollen fußt das Wild mit den Hinterläufen mehr oder weniger genau in die Tritte der Vorderläufe, so dass ein solches Trittsigel aus zwei übereinander liegenden Abtritten besteht. Beim raschen Flüchten dagegen erfolgt die Fortbewegung sprungartig – von den abstoßenden Hinter- auf die Vorderläufe. Dabei überfliegen die hinteren die vorderen Beine und werden diesen vorangestellt. Das geschieht umso weiter, je rascher die Geschwindigkeit der Tiere ist.

Einzelne Säugerarten weisen ganz spezielle Spurbilder auf. Bekannt ist beispielsweise das „Schnüren“, also ruhige Traben, des Fuchses. Dabei platziert er seine Vorder- und Hinterläufe ohne jegliche Schränkung einer Perlenschnur gleich hintereinander.

Völlig anders beim Hasen: Weil er sich nur hoppelnd oder flüchtend bewegt, sehen wir von ihm stets den „Hasensprung“. Dabei setzt er die hinteren niemals in die Tritte der vorderen Beine, sondern paarig vor die kürzeren Vorderläufe – wir erblicken ein langgezogenes Y. Ähnlich läuft das Eichhörnchen.

Auch der Marder bewegt sich „hopsend“ fort, setzt jedoch die Fußstapfen der Hinter- in die der Vorderläufe, wodurch in der Spurabfolge nur zwei paarweise nebeneinanderstehende Abdrücke erscheinen – der „Paarsprung“.

Eine weitere Schneespur-Besonderheit ist das „Nageln“ – typisch etwa beim Dachs, wenn sich die kräftigen Abdrücke der Vorderbranken vor den Zehenballen abbilden und dadurch eine „genagelte“ Klauenspur hinterlassen.

Buntspecht an einer Spechtschmiede und Eichhörnchen mit Haselnuss im Winterwald
Auch Zapfen, Holzspäne und geöffnete Nüsse erzählen vom Leben im Winterwald.

Sonstige „Winterspuren“

Waldgeschöpfe hinterlassen neben ihren Fußtapfen mit Zähnen, Krallen oder Schnäbeln viele andere Zeichen, die wir bei Schneelagen besonders gut erkennen können. Auch bearbeitete Nahrung erzählt spannende Wildgeschichten. Das gilt auch für die unterschiedlichen dunklen Kotspuren, die der Jäger Losung nennt.

Unter einem Haselstrauch rund genagte Nussöffnungen etwa stammen von einer Rötelmaus. In zwei Schalenhälften zerbrochene Nüsse aber hat ein Eichhörnchen gesprengt, um an die Kerne zu kommen.

Andere Haselnüsse haben nur ein kleines Loch – in ihnen wohnen Käferlarven des Haselnussbohrers.

Samenstände von Disteln sind durch Finkenvögel zerwühlt.

Hat man den Eindruck, der Waldboden sei umgepflügt, haben Wildschweine nach Nahrung gesucht.

In Nestkuppeln der Roten Waldameisen gegrabene Gänge verweisen auf Grün- oder Grauspecht, die hier versuchten, an Emsenbeute zu gelangen.

Viele in Baumborke geklemmte oder am Stammfuß gehäufte Zapfen bezeugen eine Spechtschmiede, also eine Zapfenbearbeitungsstätte des Buntspechts: Der hölzerne Untergrund stellt den Amboss, der Vogelschnabel den Hammer.

Gemeinsam entdecken

Mit Rücksicht und Augenmaß

Wer jetzt mit Kindern oder Enkeln einmal den wildbiologischen SHERLOCK HOLMES spielen möchte, für den ist eine „Neue“ die Gelegenheit zur „Säugetier-Fahndung“.

Man kann ein solches Trittsigel sogar mittels Gipsabdrucks konservieren und später zu Vergleichs- und Erinnerungszwecken verwenden.

Bitte bleiben Sie bei Ihren winterlichen Waldaktivitäten aller Art aber stets auf dem Wanderweg bzw. in dessen unmittelbarer Nähe. Versuchen Sie nie, die Tiere in ihren Einständen aufzuspüren. Besonders bei Frost und tiefem oder verharschten Schnee müssen sie von Störungen verschont bleiben. Jede Flucht führt jetzt zu Energieverlusten, die in der kalten Jahreszeit infolge Fehlens reichlicher Nahrung kaum wieder ausgeglichen werden können.

Also, Leute – auf zum „Abfährten“. Aber mit Rücksicht und Augenmaß!

Warum ich den Waldboten schreibe

Seit den 1970ern gebe ich als „Wald-Dolmetscher“ jahreszeitliche Tipps zum Naturerleben mit allen Sinnen. Sie vermitteln immer auch ganzheitliches „Denken in Generationen“. Für solche Weitsichtigkeit sind Förster gut ausgebildet, denn: Was sie heute ernten, pflanzten Altvordere schon im 19. Jahrhundert – was sie säen, wird erst die Urururenkel-Generation einbringen. So können wir Wald-Profis auf den Erfahrungen der Vorfahren gründen und unseren Zeitgenossen Vorschläge machen, die in die Zukunft weisen. Um die Mittlerrolle zwischen Wald und Mensch nicht nur bei Waldgängen, sondern auch literarisch ausfüllen zu können, begründete ich 1991 die Schriftenreihe „Waldbote“ mit dem Hirschkäfer als Maskottchen-Tier. Weitere Hinweise für das Walderleben erhalten Sie über www.waldbote.de. Für einen Erfahrungs- und Informationsaustausch zum Anliegen der Folge und einzelner Titel wäre ich dankbar: Förster Klaus Radestock, ePost klaus.radestock@gmx.de

Zum Aufbewahren

Der erste Waldbote im Original

Die ursprüngliche Ausgabe mit ihrer Spurenübersicht als PDF.

PDF öffnen · 2 Seiten ↗

Text: Klaus Radestock. Der vollständige Text der verlinkten Ausgabe bleibt erhalten; Zeilentrennungen und offensichtliche Satzfehler wurden bereinigt. Randnotizen sind den passenden Abschnitten zugeordnet. Einleitung, Zwischenüberschriften, Kurzinfos und Beobachtungsfragen wurden für die Webfassung ergänzt. Sachliche Präzisierungen sind ausdrücklich gekennzeichnet und mit Quellen belegt. Die farbigen Waldszenen und winterlichen Randmotive wurden mit KI gestaltet. Die beschrifteten Spurenbilder sind eigene schematische Grafiken mit separat nachgewiesenen fachlichen Grundlagen.

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